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Johann Baptist Welsch, genannt Tilla

Tilla - Fragmente eines Lebens

Ein Zeitungsartikel und Interviewaussagen
Den ersten Hinwies auf den Transvestiten Tilla erhalten wir anhand eines Artikels in der Rheinischen Zeitung vom 15. Mai 1926; dort wird mit einem leicht voyeuristischen Blick in einem umfangreichen Artikel die Kölner Homosexuellenszene beschrieben. Vorgestellt wird dabei auch Tilla, als 40jähriger Damenimitator, mit kniefreiem Rock, tiefem Dekolleté und Seidenstrümpfen. "Wir haben bei ihm einen typischen Fall von ausgesprochenem Widerwillen gegenüber dem Weibe", so der Journalist.
Zur gleichen Zeit erfahren wir in einem Interview mit einem Zeitzeugen, dass Tilla als Damenimitator im Dornröschen, dem größten Kölner Homosexuellenlokal aufgetreten ist: Wilhelm Z., der dort als Zigarettenboy arbeitete, verrät uns den bürgerlichen Namen: Hans Welsch, damals wohnhaft in der Roonstraße. Versuche, ihn in Telefon- oder Adressenbüchern ausfindig zu machen scheitern. Auch andere Zeitzeugen können sich an Tilla erinnern, doch die Aussagen widersprechen sich: Einer gibt an, er habe in der NS-Zeit Tillas Festnahme in der Klappe am Beethovenplatz mit angesehen, sie sei daraufhin in ein KZ eingeliefert worden. Ein anderer will wissen, dass sie auf einer Arbeitsvermittlungsstelle von zwei Polizisten festgenommen und abgeführt wurde. Ein Dritter gibt an: Alles Gerüchte; Tilla sei eines natürlichen Todes gestorben.

Ein Photo und Anzeigen
Viel ist es nicht, was wir von Tilla wissen, bis wir bei ersten Recherchen zu einer Ausstellung über das Leben der Kölner Homosexuellen in den Goldenen Zwanziger Jahren in den Lesben-Zeitschrift „Die Freundin“ auf ein Photo von Tilla stoßen.
Bei den Recherchen zur Kölner Lokalszene stoßen wir immer wieder auf Anzeigen von Lokalen, wo Tilla als Unterhaltungskünstlerin auftritt. Im Hotel zum Adler oder im Dornröschen, wo sie gar als der Stargast angekündigt wird. Künstler-Konzerte, Kabaretts, Travestie und Feste gehören zum Unterhaltungsangebot der 20er Jahre.

Gerichtsnotiz
In der Kölner Gerichtszeitung finden wir für den Spätsommer 1933 einen weiteren Hinweis: „Tilla, die lustige Sängerin" steht wegen Diebstahls vor Gericht; ihr Name wird in der Zeitung mit Wilhelm Grust angegeben. War die Erinnerung unserer Zeitzeugen doch falsch oder handelt es sich um eine Namensverwechslung?

Kartei des Erkennungsdienstes

Ein Fund in der Kartei des Erkennungsdienstes der Kölner Kriminalpolizei gibt endlich Aufschluss über die wahre Identität und das Schicksal von Tilla. Bei seiner ersten Festnahme wegen "widernatürlicher Unzucht" im April 1935 wird Tilla erkennungsdienstlich behandelt. Auf der Karteikarte der Kölner Kripo ist er erfasst als Johann Baptist Welsch, geboren im Februar 1888 in Arzdorf bei Bonn; Beruf: kaufmännischer Angestellte; unverheiratet; wohnt 1935 in Köln, in der Schnurgasse 64.
Tilla wird viermal von der Kölner Polizei festgenommen. Im April 1935, im Dezember 1936, im November 1939 und im Dezember 1940. Als Festnahmegründe werden auf der Karteikarte des Erkennungsdienstes „Päderastie“ (eine Bezeichnung für homosexuelle Handlungen) bzw. „widernatürliche Unzucht“ angegeben. Nach seiner letzten Festnahme wird er zu einem unbekannten Zeitpunkt in das Konzentrationslager Mauthausen/Österreich eingeliefert. Ein KZ, in das viele Homosexuelle überstellt werden. Mauthausen war für die schweren Haftbedingungen berüchtigt. Baptist Johann Welsch, genannt Tilla, kommt im KZ Mauthausen am 2. März 1943 im Alter von 55 Jahren ums Leben.

Mosaiksteine

Wie ein Mosaik lässt sich manches Leben eines Homosexuellen aus vergangener Zeit zusammensetzen. Lassen sich auch einige Facetten darstellen, muss vieles doch Fragment bleiben.

Tilla, "die lustige Kölnerin"

Rheinische Zeitung, 15. Mai 1926

Anzeige des Dornröschen

Karteikarte des Erkennungsdienstes der Kripo Köln