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Bodo Busch

(Arbeitskreis Lesben und Schwule in der Gewerkschaft ver.di, Köln):

Rede am Mahnmal für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus anlässlich der Gedenkveranstaltung am 27.1.2002

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Lesben und Schwule,

wir befinden uns hier am Kölner Mahnmal für die lesbischen und schwulen Opfer des Nationalsozialismus. Mahnmale dieser Art gibt es noch in Amsterdam, Frankfurt und Bologna, Gedenktafeln z.B. am Nollendorfplatz in Berlin und im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Zur Zeit gibt es darüber hinaus eine Initiative für ein bundesweites Mahnmal im Berliner Tiergarten.

Das hiesige Mahnmal fügt sich in Köln ein in eine Reihe anderer Mahnmale wie der Tafel für die Deportierten am Deutzer Bahnhof, dem ElDe-Haus als ehemaligem GeStaPo-Gefängnis, dem Denkmal für hingerichtete Jugendliche am Hansaring oder den zahlreichen Messingsteinen im Pflaster der Stadt vor Häusern, aus denen im Dritten Reich Menschen verschleppt wurden.

Das Mahnmal hier besteht aus Granitdreiecken mit schwarz-grauer und rosa Färbung. Die mögen an die rosa und schwarzen Dreiecke der Schwulen und der als sogenannte "Asoziale" verfolgten Lesben in den Konzentrationslagern erinnern. Das Mahnmal trägt die Inschrift: "totgeschlagen – totgeschwiegen. den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus."

Eigentlich kann und soll ein Mahnmal für sich sprechen. Wenn wir uns an diesem Mahnmal zu dieser Gedenkveranstaltung zusammenfinden, lohnt es sich jedoch, ein paar Informationen und Gedanken zu dessen Hintergrund, Entstehung und Motivation vorzutragen.

Mir als Vertreter des Arbeitskreis Lesben und Schwule in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) Köln fällt diese Rolle zu, weil Initiative, praktischer und politischer Einsatz für dieses Mahnmal in der Hauptsache vom damaligen ÖTV-Arbeitskreis "Lesben und Schwule" ausgingen. Persönlich genannt sei an dieser Stelle dessen Gründer und langjähriger Aktivist Jörg Lenk.

Der Arbeitskreis fasste den Beschluss, ein Mahnmal zu initiieren, im März 1990. Enthüllt wurde dieses Mahnmal am 24. Juni 1995. Dazwischen lagen 5 Jahre politischer Lobbyarbeit und inhaltlicher Argumentation, Diskussionen über Art, Ort und Text des Mahnmals sowie das Sammeln von rund 30.000 DM an Spenden.

Unterstützung fand das Vorhaben zunächst bei ÖTV und DGB, dann dem NS-Dokumentationszentrum – mit dem z.B. der Text entworfen wurde – und dem Arbeitskreis schwule Geschichte (dem heutigen Centrum für schwule Geschichte), aber z.B. auch bei Frauen- und Jugendorganisationen der SPD, den Grünen und dem damaligen Bürgermeister Harry Blum. Ich selber habe Anfang der 90er Jahre erlebt, dass auf privaten Geburtstagsfeiern anstelle von Geschenken um Spenden für das Mahnmal gebeten wurde. Der schwule Chor "Die Zauberflöten" hat in den letzten Jahren die Patenschaft und Pflege des Mahnmals übernommen.

Warum ist dieses Mahnmal für Lesben und Schwulen wichtig?

Zunächst einmal handelt es sich um die Erinnerung, Anerkennung und Würdigung menschlichen Leids und staatlichen Unrechts. Wir haben Beispiele hierfür in der Antoniterkirche gehört.

Dann um den dringenden und berechtigten Wunsch nach Schutz vor Wiederholung und nach Wiedergutmachung.

Selbst heute hören Lesben und Schwule gelegentlich noch von homophoben Zeitgenossen Sätze wie "Früher hätte man sowas wie Euch vergast!". Vereinzelt sorgen sich auch heute ängstlichere Schwule oder Lesben, ob nicht allzu selbstverständliches und selbstbewusstes Auftreten irgendwann wieder zu erneuter Verfolgung führen könne.

Deshalb finden wir es wichtig, dass dieses Mahnmal von der Stadt Köln an einem von vielen BürgerInnen und TouristInnen besuchten öffentlichen Platz aufgestellt wurde, mit historischem Bezug zu einer vor und nach dem Krieg stark frequentierten Klappe, also einer von Schwulen als Treffpunkt genutzten öffentlichen Toilette.

Auch dies war nicht selbstverständlich, sondern wurde erst nach Diskussionen über historische Zusammenhänge und nach dem Ausräumen gartenarchitektonischer und künstlerischer Bedenken erreicht.

Die Inschrift "totgeschlagen – totgeschwiegen. den schwulen und lesbischen Opfern des Nationalsozialismus." sagt aber noch mehr aus als die Erinnerung an das nationalsozialistische Unrecht zwischen 1933 und 1945.

Hier wird deutlich, dass dieses Mahnmal eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bildet: "totgeschwiegen" ist ein deutlicher Hinweis auf die Zeit zwischen 1945 und 1969 in der alten Bundesrepublik, in der zwar die Konzentrationslager aufgelöst waren, aber der §175 in seiner verschärften nationalsozialistischen Fassung weiter bestand und angewandt wurde, noch 1957 bestätigt durch das Bundesverfassungsgericht, so dass zumindest für Schwule Verfolgung, Selbstverleugnung und Versteckspiel weitergingen. Einzelne den Konzentrationslagern Entkommene wurden erneut zu Gefängnisstrafen verurteilt oder nahmen sich angesichts erneuter Ermittlungsverfahren das Leben. Eine individuelle Entschädigung für das erlittene Unrecht hat nur völlig unzureichend stattgefunden, ein kollektiver Ausgleich ist bis heute nicht erfolgt. Dass Schwule nicht die einzige ehemalige Opfergruppe waren, die nach 1945 weiter verfolgt wurde, sei hier mit Hinweis auf das Beispiel der "Landfahrerkarteien" über Roma und Sinti erwähnt.

Die damals verfolgten Homosexuellen hätten sich vermutlich selber nicht wie auf diesem Stein als "Lesben" oder "Schwule" bezeichnet. Bis in die 60er Jahre waren dies Schimpfworte. Eine Zeitzeugin der 30er Jahre sagt in einem Dokumentarfilm befremdet zu ihrer jungen Interviewerin: "Lesben waren wir aber nicht. Wir waren Freundschaftsfrauen!" Es ist eine Errungenschaft der Emanzipationsbewegungen der 70er Jahre, sich diese Wörter angeeignet und "herumgedreht" zu haben, dass nicht mehr verächtlich über Lesben und Schwule gesprochen wird, sondern dass Lesben und Schwule selbstbewusst und selbstverständlich so von sich selber sprechen und sich von der Gesellschaft so ansprechen lassen. Und es waren Lesben und Schwule dieses neuen Selbstverständnisses, die dieses Mahnmal initiierten, und die auf dem jetzigen Text bestanden, als von den Fraktionsvorsitzenden der Stadt zunächst beschlossen wurde, den Text abzuändern in "... den homosexuellen Opfern ...".

Lesben und Schwule werden meist nicht in die eigene Minderheit hineingeboren. Sie müssen in einer immer noch heterosexuell geprägten Umwelt jede/jeder für sich herausfinden, wer sie sind, und dass sie nicht die einzigen Lesben oder Schwulen auf der Welt sind. Es gehört zu den kulturellen Leistungen dieser Minderheit, sich als Gruppe oder Community mit eigener Kultur und eigenem Beitrag zur Gesamtgesellschaft zu verstehen. Insofern ist der im 19. Jahrhundert begonnene und im 3. Reich brutal unterbrochene Weg von der "namenlosen Sünde" früherer Zeiten zu Rosa Sitzung und CSD von heute ein nicht zu unterschätzender Fortschritt. Indem Lesben und Schwule von heute den damals Verfolgten ein Mahnmal setzen, vergewissern sie sich ihrer Geschichte als Gruppe und beziehen die in der dunklen Zeit zum Verstummen gebrachten Generationen ein.

Wie ist es denn heute ? Als wir von den Gewerkschaftsarbeitskreisen mit Ministerialen des Arbeitsministeriums über die Ergänzung des Antidiskriminierungsparagrafen im Betriebsverfassungsgesetz um die "sexuelle Identität" diskutierten, hörten wir von persönlichen Einschätzungen wie: "Wird denn heute am Arbeitsplatz noch diskriminiert? Es gibt doch mittlerweile sogar diese großen Festumzüge ..." Wie gleichberechtigt Lesben und Schwule heute sind oder nicht sind, mag daran deutlich werden, dass inzwischen ein offen schwuler Regierender Bürgermeister zwar möglich, aber immer noch Schlagzeilen wert ist.

Staatliche Anerkennung lesbischer oder schwuler Partnerschaften ist angeblich verfassungsrechtlich nur möglich, wenn sie mit deutlichen Einschränkungen hinter der Behandlung der heterosexuellen Ehe zurücksteht. Und im Gegensatz zur selbstverständlichen Erwähnung heterosexuellen Familienlebens im Arbeitsalltag sind Ausdruck oder Verstecken der lesbischen oder schwulen Lebensform im Berufsleben für viele Lesben und Schwule immer noch Gegenstand einer Abwägung, bei der es keine 100% richtige Entscheidung gibt. Auch heute noch gehören der Appell an dumpfe homophobe Ressentiments und antihomosexuelle Hetze zum Repertoire rechtspopulistischer und rechtsextremer Politiker. Das alles ist zwar weit von der Politik der Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus entfernt – aber von gleichberechtigter und angstfreier Teilhabe am gesellschaftlichen Leben können wir auch heute nicht sprechen: in diesem Lande ist noch viel zu tun !

Dabei mag die hiesige Situation den Lesben und Schwulen in vielen Teilen der Welt als paradiesischer Zustand erscheinen: Nach Recherchen der internationalen Lesben- und Schwulenorganisation ILGA – International Lesbian and Gay Association – wird in 77 Ländern der Erde männliche oder weibliche Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in 9 Ländern mit der Todesstrafe, und in dreien davon wird diese nachweislich vollstreckt. In manchen Ländern, in denen keine Verfolgung von Gesetzes wegen existiert, werden Lesben und Schwule systematisch von paramilitärischen Organisationen bedroht. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes formulierten als Lehre aus den Verfolgungen im Dritten Reich das Recht auf Asyl. Eine späte Lehre aus den Verfolgungen von Lesben und Schwulen wäre die Anerkennung von Homosexualität als Asylgrund.

Wir sehen  die heutige Veranstaltung als ein Zeichen und eine Willenserklärung, Diskriminierung und Verfolgung im allgemeinen und von Lesben und Schwulen im besonderen nicht hinzunehmen. Es freut uns besonders, dass in diesem Jahr die Veranstaltungen zum Gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus und die Gedenkveranstaltung für die lesbischen und schwulen Opfer, die in den letzten Jahren getrennt stattfanden, eine so enge Verbindung gefunden haben, wofür wir insbesondere dem Vorbereitungskreis der Veranstaltung in der Antoniterkirche danken. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin Formen des Erinnerns und Gedenkens finden und pflegen, die gleichermaßen Verschiedenheit und Gemeinsamkeit der Verfolgungen wiederspiegeln, und die Gefühl, Verstand und Handlungsbereitschaft wach halten gegenüber Verfolgung und Diskriminierung aller Art.