Kaiserreich
1871
Das neugegründete Deutsche Reich gibt sich ein einheitliches StGB. Aus dem preußischen §143 wird der unrühmliche §175, der 123 Jahre lang sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellt.

1876
Der Kölner Arzt F. Servaes berichtet im "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten" über zwei Fälle von "conträrer Sexualempfindung", auf die er in seiner Praxis gestoßen war: über einen Fall von weiblicher Homosexualität und den Fall des Franz E., der 1871 in Köln wegen sexueller Belästigung eines Nachtwächters festgenommen wird. Franz E. wird wegen Verdacht auf Geistesstörung  zur Beobachtung und Behandlung in die Lindenburg eingeliefert, wo er nach 15 Monaten stirbt. Die Todesursache ist nicht bekannt.

1898
Der Zentrumspolitiker Hermann Roeren gründet in Köln den (katholischen) Volkswartbund unter dem Vorwand des Jugendschutzes bis in die 1960er Jahre hinein Vorkämpfer gegen die homosexuelle Gleichberechtigung.

1901
Wegen versuchter Erpressung und falscher Anschuldigung wird der Tagelöhner Hermann Rogmann von der Strafkammer des kgl. Landgerichts zu drei Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Rogmann hatte versucht, einen Kaufmann zur Zahlung von 40 Mark zu zwingen; falls nicht, werde er ihn wegen widernatürlicher Unzucht anzeigen (8. Januar; Einzelheiten).

1903
Magnus Hirschfeld nennt in seiner Schrift "Der urnische Mensch" Köln neben Berlin, Hamburg, München, Dresden, Leipzig und Breslau ein Zentrum der männlichen Prostitution im Deutschen Reich.

1904
Unter dem Pseudonym Bill Forster veröffentlicht Hermann Breuer (1878-1936) den Roman "Anders als die Andern". Er schildert darin die dramatische Entwicklung eines Kölner Jünglingsliebhabers, der sich aus Scham über die verletzten Gefühle seiner Cousine das Leben nimmt. "Wegen der liebevollen Behandlung der Kölner Atmosphäre, in der sich das Liebesverhältnis abspielt, wird der Roman besonders für den Rheinländer schon aus Lokalpatriotismus Interesse bieten" (aus einer Rezension im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"). Hans Blüher bescheinigt dem Roman, dass er selbst "jeden, der völlig zum Weibe neigt, künstlerisch befriedigt".

Weil er in zwei Fällen versucht, den Kölner Reichstagsabgeordneten Kaplan Dasbach (Zentrum) zu erpressen, davon einmal wegen angeblicher Vergehen gegen § 175 RStGB, wird der neunzehnjährige Kellner Lambert, genannt Paul Pohl, zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten und zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt.

Auf der 16. Jahresversammlung der deutschen Sittlichkeitsvereine in Köln wird eine Resolution angenommen, in der unter Hinweis "auf das gefährliche Vorgehen des sogenannten wissenschaftlich-humanitären Komitees mit seiner Gefolgschaft von Tausenden aus höchstgebildeten Kreisen" die Behörden aufgefordert werden, rücksichtslos alle Manifestationen zurückzudrängen, welche die Beseitigung des § 175 verfolgen, sowie "alle diesbezügliche Literatur" (JfsZ 1905, S. 1045f.) .

Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" gibt Magnus Hirschfeld die Zahl der Homosexuellen in Köln mit "einige Hundert" an (Düsseldorf: 200); die Angaben beruhen auf Schätzungen, die ihm von Homosexuellen aus Köln und Düsseldorf mitgeteilt wurden.

Emil Peters (1877-1925), Anhänger der Lebensreformbewegung, veröffentlicht Die Wahrheit über das dritte Geschlecht. Homosexuelle sind für ihn zwar nicht krank, aber degeneriert; er wendet sich gegen strafrechtliche Sonderbestimmungen für Homosexuelle.
1906
In Köln trifft sich erstmals das Rheinisch-Westfälische Subkomitee des Wissenschaftlich-humanitären Komitees.

1907
Die Kölnische Zeitung wird wegen Majestätsbeleidigung angeklagt, als sie anlässlich des Eulenburg-Skandals die Frage stellt, warum der Kaiser so viele Homosexuelle in seiner Umgebung duldet.

Vortrag von Wilhelm Sollmann, Redakteur der sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung, zum Thema Homosexualität. Wilhelm Sollmann (1881-1951) war 1923 Reichsminister des Innern. Er unterzeichnete die Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees zur Abschaffung des § 175 (4.11.).


1908
Günther von der Schulenburg, Offizier und Publizist (1861-1918), gewinnt einen Prozess gegen den Redakteur der Münchener Zeitschrift März, der behauptet hatte, Schulenburg habe in einer Kölner Badeanstalt einen Knaben geküsst (17.3.).

In der Literarischen Gesellschaft liest der dänische Schriftsteller Hermann Bang Szenen aus seinem in Deutschland noch unveröffentlichten Roman Michael, in dem es u.a. um das - allerdings sehr dezent beschriebene - homoerotische Verhältnis des Malers Zoret zu seinem Modell Michael geht. Die Presse betonte Bangs elegante Salontoilette und seine gezierten Bewegungen (20.11.).

1912
Wie die Polizei mitteilt, befinden sich in der Psychiatrischen Klinik zu Köln "stets einer oder mehrere Homosexuelle zum Zweck der Demonstration für die Studierenden". Im übrigen seien die Homosexuellen für die Kölner Polizei "ein Gegenstand großer Sorgen", es gebe Hunderte in Köln (Jahrbuch für Sexuelle Zwischenstufen).

Mitglieder des Schauspielhauses lesen in der Literarischen Gesellschaft aus Emile Verhaerens Drama Helenas Heimkehr, in dem es unter anderem darum geht, dass Helena Objekt sexueller Begierde sowohl ihres Bruders als auch Elektras ist (25.10.).