Die 1990er Jahre
1990
Jean-Claude Letist, geboren 1946, Belgier, u. a. Vorstandsmitglied der glf-Köln, Mitbegründer der Aidshilfe Köln und Generalsekretär der ILGA, gestorben (28.2.).

In der Lindenstraße küssen sich Carsten Flöter und Robert Engel. Gegen der ersten Kuss zweier schwuler Soap-Stars laufen zahlreiche, z. T. heftigste Proteste beim WDR ein.

1991
Gründung des "Kölner Lesben- und Schwulentags" als kommunalpolitischer Dachverband. Aufgaben:  Interessenvertretung der schwulen und lesbischen Einwohner Kölns; Veranstaltung eines Kölner Lesben- und Schwulentags, aus dem sich der CSD entwickelt.

Aus einem Pornokino in der Apostelstraße wird das Gloria, Café und Veranstaltungsort, nicht nur, aber vor allem für die schwul-lesbische Szene (Rosa Sitzung, Comedy-Festival) (April).

Erste Kölner Schwulenhochzeit: Mit dem Segen von Pater Norbert vom Orden der Mariaviten gaben sich Reiner Sterzenbach und Uwe Hewald das Ja-Wort (30.5.).

Erste Kölner Schwulenhochzeit (Foto: Meisenberg, Prinz 07/91)

Kölner Lesben- und Schwulentag - Wiederaufleben des CSD: Straßenfest in der Stephanstraße mit ca. 5000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen; Frauenfußballturnier auf der Uni-Wiese (5.7.).

Im E-Werk veranstaltet der Fernsehsender "Premiere" eine Diskussion über Homosexualität im Sport. FC-Profi Paul Steiner bestreitet, dass es unter den FC-Spielern Schwule gebe; Corny Littmann vom Hamburger "Schmidt-Theater" behauptet dagegen, dass er mit einem Spieler der aktuellen FC-Mannschaft schon im Bett gelegen habe (28.10.).

Um sich ein Bild vom Leben der Kölner Homosexuellen zu machen, lud der Oberbürgermeister erstmals Vertreter und Vertreterinnen des KLUST (Kölner Lesben- und Schwulentag) ins Rathaus ein.

Rosa von Praunheim outet in der RTL-Sendung Explosiv Alfred Biolek und Hape Kerkeling. An Rosas Aktion schließt sich eine wochenlange Diskussion in allen Medien über das Für und Wider des Outings an.

1992

Beim CSD treten unter dem Motto "Lesben lieben leidenschaftlich" erstmals Lesben in großer Zahl öffentlich auf (Juli).

Jörg Vathke (1961-1992) an Aids gestorben. Vathke war Gründungsmitglied der Kölner Aids-Hilfe und hatte sich vor allem im Bereich der Aufklärung und Prävention engagiert. Für seine Tätigkeit verlieh ihm der Bundespräsident die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (19.10.).

1993
Eröffnung des Infoladens Checkpoint in der Pippinstraße (1.5.).

Siegfried Dunde in Bonn an Aids gestorben. Dunde, geboren 1953 in Idstein, seit 1990 Professor an der Kölner Fachhochule für öffentliche Verwaltung. Beschäftigte sich in Vorträgen und Publikationen mit Vorurteilen gegenüber Homosexuellen und Aids-Kranken; stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Aids-Stiftung "Positiv Leben" (20.5.).

Mit über 30 000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen wird der CSD zur größten Schwulen- und Lesbendemonstration in Deutschland (4.7.).

Gründung der Pink Poms, der ersten männlichen Cheerleading-Gruppe in Deutschland.

1994
Anfang des Jahres gründen sich auf Initiative des "Sozialwerks für Lesben und Schwule" die Jugendgruppen "Boytrek" und "Bad Girls".

Neueröffnung des Schulz am Kartäuserwall 18 (1.5.).

Über 50.000 Menschen feiern auf dem Neumarkt den CSD (Juli).

Am Bayenufer Eröffnung des Frauenmediaturms, des modernsten Facharchivs für Frauenfragen im deutschsprachigen Raum (26.8.).

Claus Gillmann an Aids gestorben. Geboren 1939 in Mannheim, promivierter Theaterwissenschaftler, Schauspieler, Publizist, einer der führenden Köpfe der Kölner Schwulenbewegung. Gründer des Rheinischen Schwulenarchivs und Mitbegründer des "Arbeitskreis Schwule Geschichte Köln", aus denen das CSG hervorging (29.8.).
Zur Todesanzeige

Claus Gillmann

Auf dem Lichhof, hinter der Kirche St. Maria im Kapitol wird ein Gedenkstein für die an den Folgen von Aids verstorbenen Kölner Frauen und Männer errichtet (9.10.).

  Volker Beck wird in den Bundestag, Volker Bulla in den Stadtrat gewählt (beide B90/Grüne).

Stefan Runge und Klaus Vincon besingen Köln als den geilsten "Arsch der Welt". Der Song entwickelt sich zur Hymne der Kölner Schwulen.

Zur Betreuung von männlichen Prostituierten wird der Verein "Looks e.V." gegründet.

Mitarbeiter der Kölner Ford-Werke gründen Ford Globe (Gay, Lesbian Or Bisexual Employes) als formelle und vom Management anerkannte Interessenvertretung der lesbischen, schwulen und bisexuellen Mitarbeiter der Firma Ford (www.fordglobe.org).

1995
Erste Rosa Sitzung im Gloria mit Präsidentin Hella von Sinnen.

Hella von Sinnen als erste Präsidentin der Rosa Sitzung (Foto: www.rosa-Sitzung.de)

Erste Austragung des Come-Together-Cup, ein Benefiz-Fußball-Turnier, bei dem verschiedenste gesellschaftliche Gruppen, von Schwulen und Lesben bis zu Arbeitslosen und Ausländern, in sportlichem Wettkampf aufeinandertreffen.

Am Rheinufer wird auf Initiative der Homosexuellen in der Gewerkschaft ÖTV ein Gedenkstein für die schwulen und lesbischen  Opfer des NS-Regimes aufgestellt, der erste in Deutschland. Entwurf: Achim Zinkann, Rostock, Inschrift: "Totgeschlagen, totgeschwiegen. Den schwulen und lesbischen  Opfern des Nationalsozialismus" (24. Juni).

Gedenkstein für die homosexuellen NS-Opfer am Rheinufer.

Erster Red-Ribbon-Walk nach New Yorker Vorbild zum Zeichen der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken. Gesponsert von Angehörigen, Freunden und Kollegen marschieren die Teilnehmer unter dem Motto "Von Ufer zu Ufer" vom Tanzbrunnen über den Rhein durch die Altstadt (17. September).

In der Kettengasse wird mit "Ganymed" wieder ein schwuler Buchladen eröffnet(7. Oktober).

Erste Fachtagung "Gay & Gray - Schwule und Alter" im Schulz (20./21.10.).

In Rodenkirchen muss sich die "Jungfrau" Ernst Kuersch aus dem Karnevals-Dreigestirn zurückziehen, weil das Festkomitee nicht akzeptieren will, dass Kuersch mit einem Mann zusammenlebt (29.11.).

Gründung der "Rosa Funken e.V.", des ersten schwulen Karnevalskorps. Hompepage der Rosa Funken  (11.11.).

Bei der vom SVD initiierten "Aktion Standesamt" beantragen mehrere schwule und lesbische Paare die Eheschließung - Antrag abgelehnt.

Bockmayer & Bührmann ziehen mit ihrem Theater in den renovierten "Kaiserhof" am Ring. Erstes Stück: die "Rocky Horror Picture Show".
1996
Die Kölner Polizei ernennt nach Berliner und Essener Vorbild die Kriminalhauptkommissare Thiele und Olbrisch zu Anprechpartnern für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Januar).

Erste bundesweite Aktionswoche "Lesben kommen raus" (März).

Mit einer überdimensionalen Roten Schleife auf der Domplatte erinnert "Red Ribbon Move", Förderkreis der Deutschen Aidsstiftung, an die 1792 deutschen Aidsopfer des Jahres 1995 (16.3.).

Mit "Golden Gays. Die Alter Native" bietet das Sozialwerk für Lesben und Schwule erstmals ein spezifisches Programm für ältere Schwule (Juni).

Michael Meiger und Marianne Rogler geben das erste "Schwullesbische Stadtbuch" heraus, ein Lesebuch von und für Lesben und Schwule (August).

Das alte Bierdorf unter der Kölner Ladenstadt wird zum "Lulu" umgebaut - Europas größte Schwulendisco entsteht.

Gründung der Kölner Regionalgruppe von "Ford GLOBE" ("Gay, Lesbian or Bisexual Employees"), einem weltweiten Netzwerk homo- und bisexueller Ford-Mitarbeiter.

Gründung der "Pride Telecom", der ersten deutschen Telefongesellschaft mit schwul-lesbischer Identität (Januar).

1997
Zum zweiten Mal "ILGA-Weltkonferenz" in Köln. Mehr als 300 Schwule und Lesben aus aller Welt beschäftigen sich mit Menschenrechtsverletzungen, internationaler Lobbyarbeit sowie HIV und Aids (29.6.-5.7.).

In der Lengfeld'schen Buchhandlung startet ein außergewöhnliches Projekt: Zwei Schauspieler, Peter Lieck und Bernt Hahn, beginnen mit der Lesung von Marcel Prousts Groß-Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Organisator: die Kölner Marcel-Proust-Gesellschaft (März).

Das Centrum Schwule Geschichte bezieht eigene Räume in der Vogelsanger Straße 61 (1.10.).

1998
Die Installation "Denkraum: Namen und Steine" des Berliner Künstlers Tom Fecht wird in der Markmannsgasse/Nähe Deutzer Brücke an die Stadt Köln übergeben. Sie sollen an Menschen erinnern, die an den Folgen von HIV und Aids gestorben sind. Pikante Vorgeschichte: Die Steine waren bereits 1994 auf dem Alter Markt eingelassen worden, für viele Touristen ein nachdenklich machende Sehenswürdigkeit. Oberstadtdirektor Ruschmeier ließ das Kunstwerk dort aus dem Boden reißen, angeblich, weil er es für bedenklich hielt, auf Totengedenksteinen Karenval zu feiern (August).

"Denkraum: Namen und Steine" des Berliner Künstlers Tom Fecht in der Markmannsgasse

1999
Im Schulz Tagung "Schwul-lesbische Kommunalpolitik" der Landesarbeitsgemeinschaft Schwulenpolitik von Bündnis 70/Die Grünen und der Ratsfraktion der Kölner Grünen (20. Februar).

Als erste transsexuelle Frau zieht Maria Rohlinger (Regenbogenliste) in ein kommunales Parlament der Bundesrepublik ein, in die Bezirksvertretung Köln Innenstadt (Mai).

Nach elf Jahren stellt die Monatszeitung "First" ihr Erscheinen ein (Juli).

Selbst der Berliner "Tagesspiegel" muss zugeben, dass die Kölner CSD-Parade die größte in Deutschland ist: Er zählt 45.000 Teilnehmer, 120 Wagen und 700.000 Zuschauer (4.7.).

Für ihr "ehrenamtliches kulturelles Engagement" werden drei Mitglieder des  CSG vom Landschaftsverband Rheinland mit dem "Rheinlandtaler" ausgezeichnet (19.8.).

Die Condomi-AG, einer der größten europäischen Kondomhersteller, wird erstmals an der Börse notiert (30.11.).

In der Kamekestr. 14 öffnet das "Anyway", Europas erstes schwul-lesbisches Jugendzentrum, seine Pforten (19.12.).

Das lesbisch-schwule Jugendzentrum Anyway, Kamekestraße